Januar1

Manchmal möchte ich essen, dann erlaube ich mir zu essen. Manchmal möchte ich nicht essen, dann erlaube ich mir, nicht zu essen. Manchmal möchte ich beides, dann zerreiße ich.

Voller Liebe betrachte ich die immer deutlicher hervortretenden Knochen und Muskeln unter meiner Haut. Meine Hände zeichnen sie nach, zeichnen die Anatomie meines Körpers nach. Wie schön der Mensch ist.

Ich bin glücklich. Mein Leben geht einen zufriedenstellenden Gang: Es läuft gut im Job, ich habe eine neue Wohnung, mein Körper gefällt mir an den meisten Tagen recht gut, ich schaffe es, das Essen so zu regulieren, daß es mich nicht quält. Und Du: Bist sorgsam in einer Schachtel aufgehoben, die ich manchmal öffne, um Dich anzuschauen, mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Wehmut.

Es ist gut, zu wissen, daß Du mich nicht vergessen hast, nicht haßt, nicht fortstößt; daß unser Etwas unberührt bleibt von den Häßlichkeiten dieser Welt; daß die Schönheit, die ich sah, echt war, die Schönheit Deiner Seele; wohl, daß es so etwas gibt, das man gemeinhin Liebe nennt, auch wenn niemand weiß, was er damit eigentlich erfassen will.

„…und stürzt die im Herzen voll Hochmut sind.“ So ganz ist mein Hochmut sicher nicht ausgelöscht, das bedarf wohl mindestens eines ganzen Lebens. Aber wenn ich glaubte, Dich zu sehen und nicht anfassen zu dürfen, lehre mich Demut, dann hatte ich keine Ahnung, was es bedeutete, Dich nicht einmal mehr sehen zu dürfen.

Ich bin dankbar, daß Du mich nicht vergessen hast, daß ich Dir nicht egal bin. Ich bin zutiefst dankbar. Es ist tatsächlich eine Art Frieden eingekehrt. Und doch: Ich habe das Essen verlernt und werde es sobald nicht mehr verstehen. Es ist nicht so, als sei nichts gewesen. Es tut weh, Dich zu vermissen.

Am Freitagabend aß ich einen Salat mit Ziegenfrischkäse bei Deinem Kollegen, über den wir oft sprachen. Es tut nicht nur weh. Es ist schön, daß es uns gab. Es ist schön, daß es Dich gibt. Dieses Leben ist dadurch soviel weniger brutal.

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Dezember4

Meine Haut schreit danach, von Feuer zerfressen zu werden. Flammen, die über meinen Körper fegen, ihn umhüllen, die Zellen meiner Haut in sich aufnehmen und verschwinden lassen. Meine Haut schreit danach, berührt zu werden. Nicht sanft, wie von Wind oder Wasser, sondern zerstörerisch, schmerzhaft, reißend.

Was ist das in mir, das dieses Verlangen nach Schmerz und Zerstörung hat? Was ist diese Pochen und Ziehen und Kreischen? Was ist das, das sich danach verzehrt, zerrissen zu werden, wie Beute von wilden Tieren? Zähne, in mein Fleisch gestoßen, daran reißen, mich auseinander reißen. Sie mögen mich auseinander reißen.

Oh wie schön wäre es, wenn Feuerflammen meine Haut verbrennen. Wenn Hände, heiß wie glühendes Eisen meinen Körper umfassen. Wie schön wäre es, wenn etwas dieses Flimmern und Zittern beruhigt, das durch meinen Körper, über meine Haut irrt.

Es zieht durch alle Fasern, in jeden Muskel. „Ich brauche meinen Körper.“ wimmere ich. Er darf nicht verschwinden unter meinem Fleisch. Ich brauche meine Knochen, über die sich die Haut spannt. Meine geliebte weiche, zarte Haut. Meine geliebten spitzen, zarten Knochen. Beide so empfindsam, zerbrechlich, ätherisch. Was soll mein Fleisch zwischen ihnen? Es darf sie nicht trennen. Ich brauche meinen Körper. Er ist die einzige Verbindung zu mir selbst.

Niemand berührt sie; die Haut, die Knochen. Wie sehr mir Deine Hände auf meiner Haut fehlen. Obwohl sie nie dort waren.

Der Konditor ist Gott. Wieso wußte ich das nicht? Das bist nicht Du. Du bist nicht Gott. Ich kriege das nicht auseinander. Das ist schlimm. Sehr schlimm. Für Dich. Für mich. Für Gott eventuell auch. Falls irgendetwas für Ihn schlimm ist. Sie alle sagen, Du seist gottgleich für mich gewesen. Sie sagen es nicht tadelnd. Eher mitleidig. Ich tadle mich dafür. Und zucke doch mit den Schultern. Ich kann es nicht ändern. Vielleicht war es nicht anders möglich. Du warst der einzige, der nicht die Hände nach mir ausstreckte. Natürlich warst Du gottgleich.

Wenn ich meinen Blick senke auf meine Hände, auf diese kleinen, zarten Hände, überzogen von meiner weichen, hellen, warmen Haut, dann wünsche ich mir so sehr, irgendjemand würde mich lieben. Warum ist das so unmöglich? Warum bringt niemand diese Hände zusammen mit dem wütenden, starken, weinenden Tier in mir und liebt beides? Warum kann ich immer nur ein Teil von mir sein? Warum fühle ich mich, als sei ich nichts von alledem? Warum bringe ich mich selbst nicht zusammen? Und warum ist es so schwer und tut so weh? Welch eine Klage!

Ich sage meinem Therapeuten, ich könne mir nur selbst nahe sein, wenn ich zerstört sei; mager, zerschnitten, verletzt. Ein hilfloser Versuch, zu erklären, was mich umtreibt. Ich habe eine solche Sehnsucht nach meinem eigenen Körper. Ich kann nicht erklären, warum mein einziger Zugang zu ihm über sein Leid führt.

Meine Liebe ist bodenlos. Ich selbst bin ein einziges schwarzes Loch.

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La Mia

Tastende Hände auf meinen Rippen
Was mag ich dort sein, dort unter der Haut
Ach, sei ich der Sensenmann, knochig und fahl
Bin doch mit den Rufen der Hölle vertraut

Was sagt dieses Brot mir, was spricht dieser Apfel?
Sie strecken die Hände aus nach meiner Hülle
Doch Äpfel und Brote sind mir keine Nahrung
Die Leere in mir, sie sehnt sich nach Fülle

Mein hungriger Körper möchte verschwinden
Das Leben bestrafen, das ihn getroffen
Fleischstück um Fleisch, den Würmern zum Fraße
Die Erde verschlingt ihn und säubert die Knochen

Sei stille, Du Speise, hör auf mich zu rufen
Verführe mich nicht, was willst Du versprechen?
Der Preis deiner Lust sind Ekel und Schmerz
Vergiftete Freundin, ich muß Dich erbrechen

Nein, nichts soll mich nähren, nichts soll mir schmecken
Kein Hauch auf der Zunge sei mehr ein Genuß
Denn jegliche Speise hat mich verraten
Ich liebte — doch sie war ein Judaskuß

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das Blau dieser Stunde

Lass mir die Dunkelheit für meine Trauer
Lass mir die Trägheit, lass mir den Schmerz
Was soll mir das Licht sein, was helfen mir Worte?
Im Blau dieser Stunde birgt sich mein Herz

Der Tag geht vorüber, die Nacht wird noch kommen
Das Blau dieser Stunde ist weich wie der Schnee
und warm wie die Sonne, es senkt sich hernieder
umhüllt meinen Körper und lindert mein Weh

Das Licht bricht sich splitternd und grau an den Wänden
Zeigt Scherben eines vergangenen Tag´s
So lass mich bestaunen sein sterbendes Tanzen
Das Blau dieser Stunde schließt gleich seinen Sarg

Wie Staub auf der Linse verschwimmen die Schatten
Das Blau dieser Stunde frisst leise und kaut
bedächtig am Traum eines unruhigen Schlafes
und hat bald das letzte Trugbild verdaut

So lass mir die Dunkelheit für meine Trauer
Lass mich versinken im Jetzt und im Hier
Das Blau dieser Stunde wird grauer und grauer
Oh, Blau dieser Stunde, nimm mich mit Dir

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Dezember3

Schon wieder ein Pferd. Erlkönigs Tochter.

Mit einem immer schwerer werdenden Kind im Arm stürze ich durch eine verwahrloste Stadt hinein in ein bedrohliches Umland, zwischen verlassene Häuser und düstere Fabriken hindurch, gehetzt, verfolgt von Menschen, deren Absichten zwischen Aggression und Bedürftigkeit nicht abzugrenzen sind.

Kurz vor dem sicheren Zuhause, wird es dunkel. Das Kind läuft panisch davon. Ich schlage eine Reiterstatue, die zum Leben erwacht. Der Reiter torkelt verletzt zu Boden. Das Pferd läuft davon wie zuvor das Kind, in den Wald. Ich schleppe einen Teil seiner Zunge hinter ihm her, der so groß ist wie eine Bettdecke. Auf einem Stein finde ich den zweiten Teil seiner Zunge. Ich versuche sie zusammenzukleben. Das Pferd steht ein wenig entfernt auf einer Wiese und grast.

So ein Quatsch, Herr, sage ich zum Regisseur meines Traumes. Pferde können gar nicht grasen ohne Zunge.

Irgendwann ist ein Punkt eingetreten, an dem nichts mehr wahr zu sein scheint, nichts mehr verständlich. Vor einem Jahr dachte ich, ich hätte den Schlüssel zu meinem Leben gefunden. Dann ist mir alles abhanden gekommen. Der Schlüssel paßte nicht und ich blieb ratlos vor einer verschlossenen Tür sitzen. Mein Klopfen, mein Hämmern blieben wirkungslos. Also schaue ich nun diese Tür an. Ich betrachte sie als könnte sie sich durch bloßes Betrachten in Luft auflösen und einen Raum eröffnen, den ich noch nicht kenne.

„Wo Du warst herrschte Ödnis; mageres Land, von der Sonne verbrannt, in dem selbst die Spießböcke lechzen.“ Mir ist mehr in den Dornen entrissen worden als ein Ohr und die Milz. Die Dornen haben mich ausgeweidet. Sie haben mir die Zunge aus dem Mund gerissen. Und ich kann nicht mehr essen und trinken.

Die Dornen haben sich um uns beide geschlungen und voneinander entrissen. Jeder hat seinen Anteil daran. Wir haben es nicht mehr geschafft einander zu vergeben. Wir haben es nicht mehr geschafft zueinander zurückzufinden. So geschieht es, auch wenn jeder sich fragt, wie es geschehen konnte. Es gibt keine einfache Erklärung mehr dafür. Ein unentwirrbares Gestrüpp aus Mißverständnis und Unverständnis. Ein Gestrüpp aus Ängsten und Komplexen. Ein Gestrüpp aus Menschlichkeit, das alles zerstört, das alles vergräbt, was so kostbar und verletzlich war. So enden die Dinge.

Vor einem Jahr habe ich geglaubt, es sei heilbringend von Dir loszukommen. Nun stehe ich sprachlos vor meinem Gott und sehe kein Heil weit und breit. Wie konnte ich so überheblich sein zu glauben, ich wüßte es besser?

Mein Therapeut sagt, ich sei gekränkt, weil Du die Tür nicht mehr öffnest. Ich sage, es gebe keine Kränkung mehr für mich. „Ich weiß nur nicht, wie ich ohne ihn leben soll.“ So simpel, so dumm. Überall Ödnis.

„Vielleicht ist das Leben so. Ich weiß es nicht. Ich habe vorher noch nie etwas verloren.“ Ich Sonntagskind. Und verzweifle an dem ersten großen Verlust meines Lebens.

„Meine Liebe ist bodenlos.“

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Dezember2

I really want you to hate me.

Mein Therapeut sagt, Du seist vor mir geflohen. Einen Moment lang bin ich verletzt, dann trotzig und schließlich gewöhne ich mich an den Gedanken; ja, ich meine, das sei schließlich das einzig logische.

Meine Liebe war Dir nie geheuer. Und immer zuviel. Ich hätte Dich gerne weniger geliebt. Um Dir weniger zur Last zu fallen. Aber das konnte ich nicht. Ich kann es nicht.

.. Und verspreche, verspreche, ich liebe Dich nicht….

Kein Mensch konnte mich je aushalten. Ich mich selber nicht. Diese Intensität meiner Gefühle, diese donnernden Wellen meiner Sehnsucht – sie überwältigen alles. Es tut mir so leid. Wie gerne hätte ich Dich länger ein wenig glücklich gemacht, wäre Dir Lichtblick gewesen.

Doch mein Licht ist ein Feuer, das am Ende alles zerstört. Kohle, alles was ich lasse.

Im Sommer sagte ich immer wieder in der Therapie: „Es ist ok.“ So lange bis mein Therapeut herausfuhr: „Jetzt hören Sie doch mal auf mit dieser Selbstbeschwörung!“ und ich sah ihn erschrocken und verständnislos an. Er wußte nicht, daß ich in den Wochen seiner Sommerfrische durch die Hölle gegangen war. Tatsächlich aber dachte ich, es sei nun wirklich gut.

Doch die Hölle hatte sich nur ein wenig abgekühlt.

Ich dachte, ich könnte in der einsetzenden Fastenzeit einfach den Alkohol reduzieren. Plötzlich ist sie da, die Hölle. In meinem Kopf sind die Rechenmaschinen weitergelaufen. Und schon wieder kommt mir jedes Stück meines Körpers zuviel vor. Weniger, weniger, weniger.

Ich will nicht mehr. Ich will essen! Bitte, kann mir irgendjemand erklären, wie das geht? Ohne zu rechnen, ohne zu hadern, ohne auf den eigenen Körper zu schauen, als sei er ein ekelhaftes Insekt, das entfernt werden müßte.

Wir Borderliner schmeißen uns mit aller Kraft in Beziehungen, die uns Identität stiften. Weil wir keine Ahnung haben, was wir sonst sein sollen. Und wenn diese Beziehungen wegbrechen, brechen wir weg. Wie soll ich beschreiben, welche höllengleiche Leere sich vor mir auftut? Ich kann leben und sterben, alles sein und nichts, ich bin frei wie der Staub, weil ich mindestens so wenig Existenz besitze. Es gibt mich nicht.

Ich tue dem, was wir hatten, unrecht, wenn ich es darauf reduziere. Auf meine kranke, verlorene Persönlichkeit. Es war soviel mehr. Aber ich bin wütend. Ich bin abgrundtief wütend. Ich möchte Dir ein Messer in die Brust stoßen und sagen, daß ich Dich hasse. Ich hasse Dich. Du bist das größte Monster, das mir je begegnen konnte. Schlimmer als alle Vergewaltiger und Gewalttäter, denen ich begegnen mußte. DU hast meine Seele mit einem Fußtritt vom Fensterbrett gestoßen.

Ich habe Dich so sehr geliebt. Ich liebe Dich so sehr. Und Du hasst mich dafür.

Ich werde nicht verrückt. Ich überlebe das.

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Dezember1

untröstlich
ich bin untröstlich
nicht zu trösten
untröstbar

Es gibt Schmerzen, die nur zu betäuben sind. Chronische Schmerzen, deren Ursache nicht behoben werden kann. Schmerzpatient.

Untröstlichkeit ist ein „sich fügen“ in das Leben als Schmerzpatient, sagt Kierkegaard: Läßt sich doch betäuben und aushalten. Kein Schreien mehr, kein Toben, keine Verzweiflung. Man macht halt weiter. Weil so das Leben ist. Und manchmal pocht es, so wie eine Entzündung im Muskel pocht. Läßt sich betäuben.

„Halten Sie durch.“ sagt meine geistliche Begleiterin zum Abschied. Sie glaubt, daß etwas Gutes daraus erwächst. Ich werde erwachsen, mein Glaube wird erwachsen, ich werde geerdet, verwurzelt. Es klingt gut. Aber es heißt nur, daß ich aufhöre zu träumen, zu fliegen und die Welt durch eine verzauberte Brille zu betrachten. Nimmerland Ende.

Vielleicht wurde es ja Zeit. Ich habe nun viel Zeit für die Arbeit. Und das wird belohnt. Meine Karriere macht einen großen Sprung: Plötzlich stehe ich mitten in den riesigen Fußspuren meines Vaters und frage mich, ob ich es schaffe sie auszufüllen.

Ich rase. Meine Kraft und Geschwindigkeit sind mir selbst nicht geheuer. Ob sie meiner Familie geheuer sind? Ich warte darauf, daß ich vor eine Wand pralle und niedersinke.

Niemand weiß, daß ich untröstlich bin; von Trauer zerfressen, ausgehöhlt, völlig entleert. Zu meinem Therapeuten sage ich: Ich bin wie Superman. Morgens ziehe ich meinen Mantel an und bin stärker als alle anderen. Doch wenn ich ihn ausziehe, bleibt nur eine kümmerliche, ängstliche Gestalt.

Es ist eine einsame Gestalt. Wenn alle Welt, selbst Deine nächsten Verwandten Dich für Superman halten, was bleibt Dir dann, wenn Du es nicht mehr bist?

Er sagt, ich hätte Dir nicht all die Briefe schicken sollen. Ich erwidere: Ich habe nichts zu verlieren. Und es ist so unfaßbar wahr. Da ist nichts mehr, meine Hände sind leer.

Untröstlich. Das Leben geht weiter. Die Trauer bleibt. Ich beginne zu ahnen, daß Sie unüberwindbar ist. Daß ich mein Leben lang bedauern werde. Und daß das vermutlich wahrhaftes Leben ist. Alles andere war nur Traumtänzerei. Das Leben ist ein Leben als Schmerzpatient.

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November5

Auf dem runden Beton, gesäumt von meterhohen Glaswänden, liegt ein totes Pferd. In den Katakomben finden wir zwei weitere, halb verhungerte, ängstliche Tiere. Ich führe sie ins Freie und lasse sie auf einer Wiese los. Sie laufen davon. Das tote Pferd in der Mitte des Glashauses geht mir nicht aus dem Sinn. So ein großer, lebloser Körper, verlassen zwischen Steinen und Glas.

Dieses Haus ist wie ein verhungertes Wesen, das nach Leben schreit. Es ist dunkel und kalt, doch es zerrt an uns allen als würden Händen aus seinen Steinen heraus nach uns greifen: Bitte, schenkt uns Leben!

In dem Labyrinth der Katakomben laufen Du und ich wie zwei erwachende Kinder, halten uns an den Händen, kichernd, aufgeregt und suchen nach einem Versteck, in dem wir uns küssen können.

– – –

Seltsame Träume nach diesem seltsamen Abend. Ich habe Dir alles geschickt, Dich mit Worten übergossen. Ich habe mehr getan, als ich hätte tun sollen. Was nun? Ertrinkst Du in meinen Worten oder speist Du sie aus? Ich habe Dich angefleht um ein einziges Wort. Wirst Du es mir schenken? Oder glaubst Du, ich sollte endlich davonlaufen und Dich zurücklassen?

Je mehr ich mich erinnere, umso irrealer erscheint es mir, daß es vorbei sein soll. Es fühlt sich so falsch an. Es fühlte sich so gut an, mit Dir verbunden zu sein.

Wie lange schreie ich die Welt an? Wie lange schreie ich? Wann werde ich mich fügen? Wie fügt man sich in ein Leben, in dem das Beste verloren ist? Wie fügt man sich in ein Leben, das sich nicht mehr lebenswert anfühlt?

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November4

I‘ll love you ´til you call the cops on me…

Ich könnte mir vorstellen, daß Du die Augen verdrehst, wenn Du einen Briefumschlag mit meiner Handschrift in Deinem Briefkasten findest, ihn ungeöffnet beiseite legst und versuchst zu vergessen, daß er da ist. Ich glaube nicht, daß Du skrupellos genug bist, ihn in den Müll zu werfen. Du legst eine Zeitung drüber und dann noch eine und noch eine und irgendwann hast Du wirklich vergessen, daß er dort liegt und wirfst ihn mit all den alten Zeitungen in den Müll.

Und ich sitze hier und schreibe Briefe, weil ich nicht anders kann, als zu hoffen, daß ich Dich damit irgendwie wieder zurückgewinne.

Es gibt keinen Ausweg mehr für mich. Ich bin hoffnungslos verloren. Ein trauriges Bündel verlorener Liebe, das unter Deinem Fenster sitzt und weint.

Es tut mir leid, daß ich Deine Ruhe störe. Ehrlich, ich würde Dich gerne in Ruhe lassen. Doch Dir zu schreiben, so zu tun, als wäre nicht alles verloren, ist der einzige Antrieb, der mich am Leben hält. Ich kann Dich nicht aufgeben. Ich habe Dich beansprucht und kämpfe um ein Recht, das ich nicht habe. Du wirst mich dafür hassen. Glaube mir, ich hasse mich selbst dafür. Ich wünschte, ich könnte Dich genug lieben, um Dich loszulassen.

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