Mein heillos gebrochenes Herz.

Du
bist nicht tot, bist nur stumm
gegangen ohne ein Wort

Du,
ein zerrissenes Bündnis
ein plötzlich verschollener Ort

Du
warst die Burg, die ich liebte
die Heimat, die mich in sich barg

Du
warst der Held meiner Träume,
der vor meiner Liebe erschrak

Du
warst das Licht, das mich rettet
Dein Lächeln machte mich heil

Du,
verfolgt von den Schatten
der Angst, die uns schließlich entzweihte

Du
warst die ganz große Liebe
Du warst Wahrhaftigkeit

Du,
liebster Stein meines Anstoß
mein Glück und süßes Leid

Du
bist nicht tot, Du bist ewig
mein heillos gebrochenes Herz

Ich
verharre in leerer
Unendlichkeit, stark und versehrt

Mein heillos gebrochenes Herz.

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Juni3

Ich habe Dir nichts mehr zu sagen.

Die Erinnerung ist immer noch zu schmerzhaft. Als ich heute nach einem alten Foto von meine Katze suche, stoße ich auf all diese Bilder aus einem vergangenen Leben: Urlaubsfotos, Landschaftsaufnahmen, Fotos von mir selbst, einem Selbst, das nicht mehr ist. Alles stand in so enger Verbindung zu Dir. Ich kann sie nicht ansehen.

Als ich in einem weiteren Versuch, mein Eßverhalten in den Griff zu kriegen, noch einmal die App ansehe, die mein Gewicht überwacht, die steilen Kurven nach unten und oben, Kurven meiner emotionalen Lage, sage ich: „Ich will es nicht mehr sehen, es erinnert mich an all das, was ich durchgemacht habe.“ bevor ich sie zum tausendsten Mal lösche.

Dieser Blog kommt zu seinem Ende. Vielleicht werde ich in einigen Tagen alle Beiträge sichern und den Blog löschen. Meine Worte ermüden mich. Der Monolog ermüdet mich. Seit über einem Jahr fehlt die Antwort. Es gibt keine Reibung mehr, keine Resonanz. Du bist tot. Ich bin tot. Und natürlich geht es weiter.

Ich habe Dir nichts mehr zu sagen. Nur, daß ich Dich geliebt habe. Als ich noch wußte, was das bedeutet. Und daß ich Dir dankbar bin für die gemeinsame Zeit, für die Verbundenheit, für dieses Miteinander. Für all die Inspiration und all das Gelernte. Und daß ich wütend bin, verletzt, verständnislos darüber, daß Du wortlos aus meinem Leben geschieden bist.

Irgendwann werde ich all das vielleicht übereinander bekommen und Frieden machen können mit Dir.

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Juni2

Nachdem ich meinen Körper wieder mit Mineralien aufgefüllt und realisiert habe, daß ich gestern wieder mal unnötig viel Ehrlichkeit an den Tag gelegt habe, die niemandem etwas gebracht hat, hake ich den Abend ab. Ich gehe einkaufen in der Innenstadt, mache ein wenig leichten Sport, schlafe und fahre ins Kloster. Es tröstet mich sehr mit meinem wunderschönen neuen Auto durch meine wunderschöne neue Heimat zu fahren. Alles ist gut.

Im Kloster sage ich zu Gott, daß ich das nicht mehr will — ich will den Schmerz nicht mehr. Ich will nicht mehr an Dich denken. Ich will nicht mehr trauern, um das was wir hatten und was verloren ist.

Die mich begleitende Schwester schrieb mir, mit meiner Unruhe und meiner Sehnsucht würde ich zeigen, daß es mehr gibt. Mehr als das, was sich vordergründig anbietet. Dann wäre diese Unruhe wenigstens zu irgendetwas anderem gut, als mich zu quälen.

Der Schmerz und sein Folgeschmerz (mein ganzer Körper tut weh vom Weinen) waren so schlimm, daß ich mir nicht wünschen kann, ihn noch einmal zu fühlen. Und es ist so sinnlos, Deine Zuwendung zu suchen. Du wirst sie mir nie wieder schenken. Ich ertrage tapfer das Gefühl der Einsamkeit. Denn ich erinnere mich daran, daß ich gerade in den letzten Tagen, kurz bevor meine emotionale Fahrt wieder hinabführte, angefangen habe, mich selbst zu lieben.

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Juni1

Filmreif breche ich auf dem Küchenfußboden zusammen. Erst bleibt mir die Luft weg, dann sacken meine Beine ein. Ein wenig Speichel läuft auf die Fliesen aus meinem Mund; das hätte man im Film wohl nicht gezeigt.

Vielleicht habe ich nur zuviel getrunken. Vielleicht war es genau richtig. Ich bin eine Weile durch die Gegend gefahren. Ich wußte nicht wohin. Alles fühlte sich schrecklich an. Als ich nach Hause kam, trank ich den Weißwein aus, der noch im Kühlschrank stand. Dann öffnete ich den Champagner, den eh niemand mit mir trinkt. Ich telefonierte eine Weile mit meinem besten Freund über die Probleme der Welt und über die dunklen Schatten meiner Kindheit. Düster, so düster, das Leben.

Dann schrieb ich Dir ohne mit einer Antwort zu rechnen und als sie kam, hatte ich diesen filmreifen Zusammenbruch. Bevor ich durchdrehe, soll ich Dich anrufen, schrieb mein bester Freund. Also versuchte ich es. Aber natürlich: Du warst schon wieder fort, tot, verschollen, unerreichbar.

Ich weinte. Hast Du eine Vorstellung von dem Schmerz in mir? Der durch meine Brust zieht wie ein gefräßiges Tier? Der meinen ganzen Körper erschüttert wie ein Erdbeben die Erde? Hast Du eine Vorstellung von der körperlichen Anstrengung, diese Tränen zu gebären? Wie bei einer Geburt versuche ich zwischendurch Luft zu kriegen, atme gehetzt, versuche den Schmerz wegzuatmen, der sich durch alle Fasern windet.

Ich halte eine Rasierklinge in der Hand. Immer wieder lasse ich sie über meine Haut streichen. Aber ich schneide nicht. Es ist zu lange her. Ich kann das nicht mehr.

Der Schmerz ist endlos. Riesig. Unaufhörlich rollt er heran. Ich habe Angst vor ihm. Wenn ich ihm keinen Einhalt gebiete, was geschieht dann? Ich habe jetzt schon kaum noch Kraft. Irgendwann beruhigt er sich. Aber er ist nicht aufgelöst. Er zieht sich nur zurück. Es bleibt unerträglich. Unerträglich. Unerträglich.

Bin ich wütend? Verzweifelt? Es ist fast so, als gebe es kein Wort dafür. Es gibt kein Wort für das Gefühl. Du bist nicht mehr greifbar. Das Leben ohne Dich. Ich hier. Es gibt kein Wort. Und in mir dieser alles zerreißende Schmerz. Er lauert. Es hört einfach nie auf, wehzutun.

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Mai4

„Und noch immer empfinde ich die Trauer wie Angst. Genauer vielleicht wie ein Hangen und Bangen. Wie ein Warten: wie ein Sich-herum-Drücken, bis vielleicht irgend etwas geschieht. Es macht das Leben zu einem dauernden Provisorium. Es lohnt sich nicht, irgend etwas anzufangen. Ich finde keine Ruhe. Ich gähne, ich bin zappelig, ich rauche zuviel. (…) Jetzt gibt es nichts als Zeit. Fast reine Zeit, leeres Nacheinander.“ — C. S. Lewis

Ich weiß nicht, ob ich noch um Dich trauere. Da ist nur diese klaffende Lücke.

Meine Wohnung versinkt im Chaos. Getrieben von Antriebslosigkeit. Es ist zu warm. Immer wieder Deine Worte: „Die Welt wird so still“ (wenn es warm wird). Wir sitzen auf einem tristen Balkon zwischen Häusern und trinken alkoholisierte Getränke. Du dort, ich hier. Ich will weg hier. Ich will weg. Wie gerne möchte ich mich durch ein Fingerschnippen in Luft auflösen.

Am Sonntag unterhalte ich mich mit meiner Mentorin in der Trauerarbeit über meine Trauer. Sie weiß, daß ihr eine Trennung zugrunde liegt, kein Todesfall, aber sie kennt die Details kaum. Ich sage: „Da bleibt diese Fassungslosigkeit. Die läßt sich nicht auflösen. Man integriert dieses Fragezeichen, diese Frage nach dem „warum“ nur irgendwie in die eigene Lebenswelt.“ Man lebt weiter mit dem Gefühl, es nicht zu verstehen. Das Leben nicht zu verstehen. Gott nicht zu verstehen. Nicht zu verstehen, warum man verlassen wurde. Warum auf einmal etwas vorbei ist. Warum… „Gestern wurde man noch geliebt und heute auf einmal nicht mehr. Das versteht man nicht. Man versucht nur, zu akzeptieren, daß man es niemals verstehen wird. Daß man keine Antwort auf die Frage bekommt.“

Die Trauer ist eine Spirale. Immer wieder erlebt man dieselben Kreise, dieselben Gefühle. Immer wieder steht man vor dieser Wand aus Wut, Unverständnis und Fassungslosigkeit, die man sinnlos anbrüllt als könnte das eigene Brüllen sie niederreißen.
Und immer wieder dreht man sich um und geht in eine andere Richtung, läßt die Wand hinter sich, nur um nach einer Weile wieder vor ihr zu stehen und zu schreien.

Trauer wird nicht überwunden. Man trägt sie in sich. Man trägt sie mit sich. Sie ist ein selbständiges, kleines Lebewesen, das es sich im Innern des Menschen gemütlich macht. Ein Verlust bleibt ein Verlust. Er läßt sich nicht ungeschehen machen.

Lewis schreibt vom „Sich-Winden eines Mannes, der die Tatsache nicht wahrhaben will, daß sich mit Leid nichts anderes tun läßt, als es eben leiden (…) Der noch immer meint, es müsse ein Mittel geben (…) aus Schmerz Nicht-Schmerz zu machen. Es macht keinen echten Unterschied, ob man sich beim Zahnarzt an die Armstützen des Stuhles klammert oder ob man die Hände in den Schoß legt. Der Bohrer bohrt.“

Und doch treiben wir unruhig um den Schmerz herum, auf der Suche nach Schmerzlosigkeit, nach Freude wo Trauer ist, nach Glück wo Unglück ist, nach Zufriedenheit wo Kummer ist. Wir treiben drumherum statt einfach hineinzugehen und zu ertragen, daß es wehtut. Wieviel Drama begibt sich nur dadurch, daß wir den Schmerz nicht spüren wollen. Die Angst der Trauer ist die Angst vor dem Schmerz.

Ich habe eine Handvoll Tränen vergossen seit Du fort bist. Sie würden kaum ein Weinglas füllen. Es waren viel zu wenige angesichts der Tatsache, daß Du Du für mich warst und ich ich für Dich und wir nun nichts mehr sind als flimmernder Staub in der Luft; selbst die Erinnerung an uns ist bröselig wie verbrannte Erde.

Solch eine Sehnsucht, die mich umtreibt und lähmt zugleich. Solch eine Sehnsucht danach, mich geliebt zu fühlen. Sag mir, wo soll ich hin damit? Sie zerreibt mich in ihren steinernen Händen. Es fühlt sich allzu oft an, als ginge ich verloren. An Dich zu denken, bietet ihr die Stirn.

Mein liebster Mensch, nur Du wußtest, wie sehr die Sonne mich quält. Nur Du wußtest, wie sehr das Leben mich quält. Nur Du wußtest, wie sehr ich mich quäle. Ich hasse die Welt und mich selbst an manchen Tagen so sehr dafür, daß ich Dich geliebt und verloren habe.

Heute ist so ein Tag.

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Mai3

In Hotpants und Spaghettitop bei 20 Grad am Abend. Meine Familie wundert sich. „Ich habe Dich ja ewig nicht in kurzen Hosen gesehen.“ sagt mein Bruder. Eigentlich war es nur ein Sommer, in dem er mich nicht so gesehen hat. Aber er hat recht: Dieser Sommer war wie eine Ewigkeit. Dieser kalte Sommer.

So ganz im Griff habe ich die Eßstörung noch nicht. Es gibt Auf und Abs. Aber mein Körper ist deutlich gesünder. Und ich friere nicht mehr. Im Gegenteil: Mir ist so warm, daß ich entgegen meiner Neigung, mich eher bedeckt zu halten, halbnackt durch die Gegend laufe. Ich fühle mich langsam wieder normal.

Es ist so schön, zu essen. Es ist so schön, sich gesund zu fühlen. Es ist so schön, Sport mit dem eigenen Körper zu machen und nicht gegen ihn. Im Moment suche ich ein Ausbildungsinstitut für meine Ausbildung zur Gesundheits- und Präventionsberaterin, meine Schwerpunkte möchte ich auf Suchtberatung und Seniorenberatung legen. Morgen beginne ich meine Arbeit bei der städtischen Hospizbewegung. Ich stelle mir vor, im Kloster Fitnesskurse für die älteren Schwestern zu geben. Natürlich betrachte ich all das mit einem Augenzwinkern. Aber ich habe soviel Lust darauf, mich wieder in meine Ideen und Visionen und in mein Leben zu stürzen.

Nicht jeden Tag stehe ich in den Flammen meines Eifers. Oft komme ich nach Hause, erschöpft von meiner Arbeit oder von der wirklich harten Arbeit in der Therapie, und bin zu Tode betrübt. Ich schaffe es nicht, zu essen oder esse unnötig viel auf der Suche nach Geborgenheit, die mir meine Wohnung nicht gibt. Aber jeder neue Tag erfüllt mich mit Dankbarkeit. Jeder neue Tag gibt mir die Chance, den vergangenen sein zu lassen. Und nichts wünsche ich mir mehr.

Die Eßstörung ist ein Symbol für meinen Kampf ums Loslassen. Kontrolle oder Kontrollverlust. Vertrauen auf meinen Körper oder Mißtrauen gegen ihn. Das Leben agieren lassen oder es bestimmen wollen. Jeden Tag beginnt ein neuer Kampf in diesem Konflikt. Manche Tage sind gut. Manche sind furchtbar.

An manchem Morgen sehnt sich meine Seele danach zu wissen, wie es Dir geht. An manchem Morgen denke ich nicht an Dich. Die Tage sind angefüllt mit vielem. Die Nächte oft unruhig und schmerzhaft. Doch immer wieder genieße ich den Morgen: Stretching, Yoga, Duschen, Beten, Essen! Der Morgen ist das Beste am Tag.

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Mai2

Den letzten Abend in der alten Heimat verbringe ich bei meinem Bruder und seiner Familie. Ich war über ein verlängertes Wochenende in dem kleinen Appartement, das ich auf dem alten Hof, der über fünf Jahre mein Zuhause war, behalten habe. Die Katze verbrachte die Nächte im Wald und ich die Tage bei meiner Familie oder in den Tränen, die ich in der Stille des Waldes endlich fand. Niemand möchte zurück in die Stadt, weder die Katze noch ich. Aber die Stadt ist nun wichtiger als der Wald.

Ich fahre betrunken die wenigen hundert Meter von einem Hof zum anderen. Wie sehr ich es vermisst habe, betrunken durch die Nacht zu fahren. Ich weiß, das ist kein heldenhaftes Geständnis. Aber es hat etwas von Kontrolllosigkeit. Mir bleibt nur das Gottvertrauen. Während meine Musik, der Alkohol und die Nacht mich überwältigen.

Ein Kaninchen springt auf die Straße. Ich reagiere. Die teuren Sportbremsen auch. Das Kaninchen überlebt. Ich danke Gott.

Vor zwei Tagen kamen sich mein Appetit und der sorgfältig ausgearbeitete Ernährungsplan in die Quere. Ich wollte gar nicht mehr als der Plan, der immer noch mit einem starken Defizit arbeitet, vorgab. Aber ich wollte etwas anderes. Und wutentbrannt rief ich aus: „Ich hasse den Plan!“ Aber ich habe ihn selbst geschrieben. Er ist die Planke, auf der ich durchs Wasser schwimme.

Kontrolllosigkeit. Wie sehr ich mich danach sehne.

Es macht mich traurig, als ich im Dunkel der Nacht auf das einsame Haus zufahre, das einmal mein Zuhause war. Diese vertraute Dunkelheit. Diese vertraute Einsamkeit. Es macht mich so traurig, daß ich zu müde bin, um die Traurigkeit zuzulassen. Verdammtes Leben. Verdammte Zeit. Verdammte Veränderung.

Wieder einmal bin ich perfekt gewesen. Die perfekte Tochter. Die perfekte Schwester. Die perfekte Tante. Sie lieben mich. Und brauchen mich. Ich bin geradezu großartig. Eine Heldin. Gott, wie stolz ich auf meine stets fröhliche, optimistische, freundliche, kontrollierte und ausgeglichene Persönlichkeit bin. Nicht ein einziger von ihnen ahnt, daß ich innerlich zittere vor Angst und mich danach sehne, schreiend und tobend dem Schmerz Raum zu geben, den es bedeutet, nichts mehr zu haben, was ich lieben kann.

Kontrolllosigkeit. Wie schön, wie verlockend wäre es, die Kontrolle zu verlieren. Aber nicht nur für mich. Ich möchte meinen Schmerz, meine Wut jemandem ins Gesicht schmeißen. Ich möchte jemanden anschreien, schlagen, dazu zwingen, zu fühlen, mich zu hassen und zurückzuschlagen. Ich möchte toben und kämpfen. Ich möchte irgendeine Resonanz auf meine Gefühle.

Das ist es. Resonanz. Das Mitschwingen eines Körpers mit einem anderen Körper. Widerhall.

Seit einem Jahr, seit über einem Jahr kämpfe ich gegen dieses Fehlen von Resonanz. Und ich finde nichts, immer nur nichts. Jedes Wort, jedes Geräusch, jedes Gefühl verklingt in dumpfer Stille, verebbt in Leere, wird von einem namenlosen Dunkel verschluckt.

In der Kirche sprechen sie immer von „Liebe“. Über die Liebe habe ich Gott gefunden. Und nun stehe ich diesem leeren Wort so ratlos gegenüber. Ich habe noch nie in meinem Leben so wenig Vorstellung davon gehabt, was das sein soll, wie heute. Es klingt abstrakt und hohl für mich. Ich verbinde kein Gefühl mehr damit, nichts lebensnahes, nichts lebbares.

Meine Kontrollverluste lebe ich im Alkohol, Essen und Kotzen. Ich bin versucht, Scheren, Messer und Rasierklingen ins Portfolio mit aufzunehmen. Vielleicht auch mal die Medikamente, die ich mir mit Charme und Selbstsicherheit organisiere oder das Auto, das eigentlich zu neu, zu hübsch und zu teuer ist, um direkt wieder zerstört zu werden. Werde ich irgendwann so weit gehen? Nein, dafür bin ich zu kontrolliert. Meine Kontrollverluste sind noch so kontrolliert, daß sie niemals richtig gefährlich werden. Nicht einmal mehr das.

Es regnet und ich freue mich endlich wieder am Regen. Ein Jahr lang habe ich ihn gehasst, weil er die immerwährende Kälte noch schlimmer gemacht hat. Jetzt friere ich nicht mehr und kann den Regen wieder gernhaben. Es wird vieles besser. Ich bin unzerstörbar, gesegnet und unerschütterlich in meiner Hoffnung. Da draußen ist Leben und ich bin da draußen. Es fühlt sich gruselig an, aber wie sollte es sich sonst anfühlen?

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Mai1

Ich träume immer noch von Dir. Ich kreise immer noch Tag für Tag um die Frage, warum Du schweigst. Der Unterschied zwischen dem, was war und dem, was ist, ist so groß, so laut, so unverständlich. Es gibt nichts Lauteres als dieses postapokalyptische Schweigen.

Ich träume, daß ich mich von Dir verabschiede. Ich umarme Dich und spreche Abschiedsworte. Danach breche ich hinter der Tür zusammen und weine, weil ich verstehe, daß es wirklich zu spät und wirklich vorbei ist. Aber das ist nur ein Traum. Ich verstehe das nicht. Ich weine nicht. Ich habe mich nicht verabschiedet.

„Ich lebe ja weiter.“ sage ich in der Therapie. „Wirklich, ich verweigere mich nicht länger. Ich lebe wirklich gut.“ Aber ich kann Dich nicht loslassen. Jede Nacht erinnert meine Seele mich an das, was war. Jeden Morgen muß ich mich neu hineinfinden in das, was ist.

Wenn ich Dir schreibe, denke ich für den Moment, es wäre noch alles wie früher. Aber Du antwortest nicht. Es ist, als seist Du tot.

Eine Frau erzählt mir von ihrem Mann, der sie verlassen hat: „Wenn einer stirbt, dann kann man trauern. Aber wenn einer einfach so geht, dann hat man soviel Wut.“ Ich sage ihr, daß auch das Trauer ist, Teil der Abschiedsarbeit. Aber sie hat recht: Es ist leichter, sich von einem Toten zu verabschieden als von einem Lebenden. Der Tote hat eine Entschuldigung für sein Schweigen.

„Dein Schweigen hallt in den leeren Räumen meiner Seele.“ So oder ähnlich schrieb ich es vor einigen Wochen. Dein Schweigen füllt den leeren Raum meiner Seele aus. Dein Schweigen ist wie Watte, die mein Inneres stopft. Dein Schweigen fesselt mich an Dich. An diesen Scherenschnitt einer Person, der an die Wände meines Kopfes gepinnt ist und nur noch unzureichend wiedergibt, was einmal ein Mensch war, den ich liebte.

„Ich schreibe einfach immer stur weiter. Der SMS-Strang ist einseitig, alles grün.“ erzähle ich meinem Therapeuten. Ich schreibe gegen Dein Schweigen an. So, als sei es das Normalste der Welt, daß einer redet und einer schweigt. Ich erzähle Dir mal hiervon, mal davon, tue so, als sprächen wir miteinander, als wäre nie etwas passiert, als wären wir gute Freunde.

Wie fühlt es sich an, wenn man immer wieder SMS bekommt oder Briefe, die so tun, als hätte man sich nicht aus dem Leben des Schreibenden verabschiedet? Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Schweigen hartnäckig ignoriert wird? Bist Du genervt? Du könntest Deine Handynummer wechseln. Wünschst Du Dir, daß ich auch endlich schweige? Aus Deinem Leben verschwinde? Warum sagst Du mir nicht: „Seien Sie still! Ich will nichts mehr von Ihnen hören. Ich will Sie nicht mehr in meinem Leben haben.“ Warum sagst Du das nicht? Bist Du dafür zu feige?

Ich höre nicht auf, von Dir zu träumen, Dich zu vermissen, Dir zu schreiben und von Dir zu schreiben, von Dir zu reden, um Dich zu kreisen. Ich lebe weiter, mit Dir.

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April6

Zuhause. Es ist erschlagend grün. Ich habe noch ein kleines Appartement hier, im Wald. Mein Bruder baut den Rest des Hauses für seine Familie aus. Wir planen. Ich erzähle meiner Familie von meinen Schwierigkeiten mit der Stadt. Es ist kompliziert. Sie zeigen sogar Verständnis, obwohl ich wie immer wild entschlossen war, als ich gegangen bin. Sie kennen mich. Ich bin ein unruhiger Geist. Und wünsche mir doch nur auch so sehr etwas Ruhe.

Mein Vater findet heraus, daß ein Café, etwas abseits der Stadt, in einer wunderschönen, ländlichen Lage, einen neuen Pächter sucht. Er weiß um meine Sehnsüchte. „Da mußt Du nur noch lernen, Steaks zu braten.“ sagt er. Und ich kämpfe mit den Tränen. „Ich wollte das alles nicht allein machen.“ antworte ich. Sie schweigen. Das Leben ist grausam.

Später unterhalte ich mich mit der Katze. Erzähle ihr von dem Café. „Ich bin Kauffrau. Es ist nicht so, daß ich das nicht alleine kann. Dann muß ich den Koch halt anstellen.“ sage ich zu ihr. „Und außerdem braucht so ein Café ja ohnehin eher Kuchen als Steaks. Ich war immer die bessere Bäckerin.“

Das Leben könnte so groß sein. Ohne die Angst.

„Er wäre stolz auf mich.“

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April5

Your silence still haunts me.

Jede Nacht erscheinst Du in meinen Träumen. Jeden Morgen wache ich erschöpft auf. Die Zeit vergeht.

Verzweifelt durchsuche ich mehrmals täglich die Immobilienportale. „Ich könnte nur weglaufen. Immer weiter. Am liebsten würde ich jede Nacht in einem anderen Hotel schlafen.“ sage ich zu meinem Therapeuten. „Die Leere ist nicht immer gleich groß und bedrohlich. Aber sie ist immer noch da.“ Sie lauert in mir. Überall ist die Angst vor ihr.

Ja, ich will ja weiterleben. Aber ich bin zu erschöpft, um mir etwas zu essen zu machen.

Neidisch betrachte ich den Fledermauskasten an der gegenüberliegenden Hauswand. Wie schön es wäre, jeden Tag in einem flachen Gebilde zu schlafen und erst bei Einbruch der Dämmerung hervorzukriechen und durch die Stille zu gleiten. Will ich etwa schon wieder lieber sterben?

Wo soll ich hin? Diese Frage schreit mich laut an. Wo soll ich hin?

Ich bin so verzweifelt, daß ich meine Familie um Rat bitte. Ich brauche Hilfe. Ich will nicht mehr depressiv sein und voller Angst. Wo ist der Ort, an dem ich mich wieder sicher fühle? Es ist, als wäre es unmöglich geworden, nach Hause zu kommen. In meinem ehemaligen Zuhause machen sich andere breit. In meinem zukünftigen Zuhause kriege ich keinen Fuß in die Tür. Ich hänge zwischen zwei Lebensträumen und nichts fühlt sich richtig an.

Wie schwer es mir fällt, zuzugeben, daß ich mich allein und verloren fühle. Wie ein verwaistes Kind. Dabei möchte ich doch so gerne sagen, daß ich leben kann. Ich. Ganz allein ich. Nur mit mir. Mitten in der Welt.

Selbst wenn ich am Tag nicht an Dich denke, ganz vergesse, wie Du warst und wie nahe wir uns standen — in der Nacht erinnerst Du mich. Dann ist alles wieder da. Du mit all dem, was ich liebte. Du mit der Nähe, die Du mir schenktest. Du mit Deinen Berührungen meiner Seele.

So gerne ich abschließen würde; ich verstehe es immer noch nicht. Ich habe nur aufgehört, mich zu fragen, warum Du schweigst. Warum Du meine Nachrichten nur zu den Feiertagen beantwortest. Warum wir uns nicht sehen können. Warum es unmöglich geworden ist, Dich zu sprechen. Ich frage mich das nicht mehr. Ich lebe weiter, mein von Dir abgeschnittenes Leben. Treibe voran, mal hoffnungsvoll, mal lähmend niedergedrückt.

In meinem Innern suchst Du mich heim: schweigend am Tag, lächelnd in der Nacht. Du hast Deine Hand ausgestreckt, forderst mich auf. Doch was soll ich tun?

Ich weiß, was Du Dir wünschst. Aber egal, was ich tue, ich schaffe es nicht, ohne Angst zu sein.

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