Juli8

Der zigtausendste Versuch normal zu essen…. endet über der Toilettenschüssel. Aber ich schaffe es nicht. Meine Selbstzerstörung endet mittlerweile an einem Schlüsselbund (weil die Rasierklinge zu offensichtlich wäre) und schlechtem Sex.

Früher, wenn manch einer meinte, ich esse zu wenig, habe ich manchmal gesagt: „Ich kann gar nicht magersüchtig werden, dafür esse ich zu gerne.“ Eine Zeit lang war ich sogar richtig dick ohne es zu merken. Ich merkte es erst Monate später, als ich es auf Fotos sah. Es war nie ein Problem. Mein Körper war immer ok, meine Seele war das Problem.

Nun sagen sie mir, ich sei dünn, aber ich sehe nur viel zu viel Körper.

Ich möchte mir die Gedärme ausreißen, die Haut vom Fleisch ziehen und das Fleisch von den Knochen schneiden. Ich möchte mich selbst schlachten.

Warum schaffe ich es nicht, mich selbst zu töten? Überall quillt das Leben hervor. Dabei verdiene ich es nicht. Ich verdiene das Leben nicht. Ich habe es schließlich selbst vernichtet.

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oT

„Dem Menschen (…) eine wichtige Beziehung abrupt ohne jede verständliche Erklärung zu entziehen, bedeutet jedoch eine massive Entwertung.

Die Botschaft ist deutlich: „Du bist so unwichtig, dass du es nicht Wert bist, mit dir darüber zu reden.“ Zugleich schwingt mit, dass alles positiv gemeinsam Erlebte null und nichtig war.

Was bringt jemanden dazu, so grausam zu sein?

von: https://emj57.wordpress.com/2015/01/22/das-phanomen-kontaktabbruch/amp/

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Juli7

Ich habe gedacht, es wäre ein Rückschritt, die Beiträge wieder direkt an Dich zu richten. Aber es ist der richtige Schritt voran.

Ich bin wütend auf Dich. Und enttäuscht. Unglaublich enttäuscht. Niemals hätte ich gedacht, daß Du mich so behandeln könntest. Daß es Dir so egal ist. Daß ich Dir so egal bin.

Du warst der einzige Mensch, von dem ich mich geliebt fühlte, angenommen, bestärkt. Nun denke ich, ich sei tatsächlich absolut verachtenswert. Wenn sogar Du mich verachtest.

Mir war immer klar, daß die Rolle, die Du in meinem Leben eingenommen hast, Dich überfordert. Du bist nicht der einsame Rufer in der Wüste, der mit Kamelhaar behangen und von Bienenhonig lebend, mich verwöhnten kleinen Vogel aus seinem goldenen Käfig lockt. Du bist ein wunderbarer Mann mit furchtbaren Charakterdefiziten. Ein alter Mann. Jemand, der selbst nicht viel von sich hält. Ein Mensch mit geradezu zerreißenden Widersprüchen, wie viele von uns. Wie ich.

Ich schrieb einmal, ich wüßte nicht, warum Du es sein sollst, der mich rettet. Du seist schließlich einfach nur da gewesen. Vielleicht war es genau das: Du warst da. Ohne etwas zu fordern.

Mit meinem Therapeuten reflektiere ich meine vergangenen Beziehungen: Von Anfang an – wenn man so will, vom Anfang meines Lebens – schien mir Liebe nur durch Sex zugänglich. Oder das Gefühl, liebenswert zu sein, annehmbar. Und dann kamst Du und stießest mich von der Bettkante. Wie sollte ich nicht in Liebe zu Dir entbrennen?

Mir war doch klar, daß es ein Ende geben mußte. Weder konnte es so bleiben, wie es war, noch gab es eine andere Zukunft. Aber ich wollte Dich bis zum Ende meiner Tage im Herzen tragen, um Dich wissend, Dich lieben. Wieso mußtest Du mir das antun? Wieso mußtest Du mich von Dir stoßen, daß es mir Atem und Herzschlag raubt? Daß es mich niederreißt wie eine Axt, die in meine Körpermitte schlägt? Daß es mich fast umbringt vor Kummer? Wieso mußt Du mir das antun?

Ich kann es einfach nicht verstehen. Ich kann nicht verstehen, wie der Mann, der meiner Seele mit soviel Respekt und Zuneigung begegnet ist, mich so hassen kann. Was habe ich denn getan? Was habe ich nur getan, daß ich das verdient habe? Und wie kannst Du mich mit dieser Frage zurücklassen? Nach all den Jahren? Nach all der Verbundenheit?

Ich kann es einfach nicht verstehen.

Ich möchte so gerne leben. Stattdessen habe ich wieder das Essen eingestellt. Und friere. Mitten in einem kalten Sommer.

Vielleicht wird es Zeit um Vergebung zu ringen. Für Dich und für mich.

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Essen Ist Böse, Teil II

Ich hasse mich.

Die Mechanismen laufen wieder; die Apps, die mir helfen, Kalorien und Kilos zu zählen und den BMI berechnen, sind wieder installiert. Todesmutig stelle ich mich auf die Waage, der Blick in den Spiegel widert mich an. Wie konnte ich nur so unvernünftig sein und es einfach laufen lassen, nicht nachzudenken übers Essen, es nicht zu kontrollieren? Nun muß ich von vorne anfangen.

Ich mache zwei Workouts hintereinander. Da das erste zu leicht war, starte ich ein zweites, ein Programm härter. Erst als meine Muskeln zittern vor Erschöpfung und ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann, fühle ich mich einigermaßen genügend.

Dann liege ich erschöpft auf dem harten Boden. Das weiche Sofa widert mich auch an. Und während ich da liege, geht mir nur eines durch den Kopf: Ich hasse mich. Wie sehr ich mich verabscheue.

Aber ich freue mich darauf, nicht mehr zu essen. Das neue Gewichtsziel ist wenigstens ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann, an das ich mich festhalten kann, für das ich etwas tun kann. Einfach nicht essen. Stur bleiben, die Magenschmerzen ignorieren und den Schwindel, der sich irgendwann einstellt. So schnell kippt man nicht um. Stur bleiben. Wasser trinken.

Essen ist so furchtbar. Man tut es in der Hoffnung, daß sich Zufriedenheit einstellt. Aber sie stellt sich nicht ein. Man denkt, man müsse mehr oder etwas anderes essen, damit sie sich einstellt. Aber sie bleibt immer noch aus. Am Ende möchte man kotzen oder sich das Fleisch von den Rippen schneiden oder sich in Salzsäure legen, um sich aufzulösen. Und die Zufriedenheit ist immer noch fern wie der Mond.

Wenn man jedoch nicht isst, dann erlangt man Zufriedenheit aus dem Gefühl des leeren Magens, aus der sich einstellenden Leichtigkeit, aus den sinkenden Zahlen auf der Waage oder dem niedrigen Kaloriendurchschnitt, den die App anzeigt und irgendwann auch mit einem Blick in den Spiegel, wenn da nichts mehr ist außer Knochen und straffer Muskulatur. Wenn sogar die Brüste weniger werden. Das verschafft die meiste Zufriedenheit.

Eine Woche habe ich gegessen, als wäre es das normalste der Welt. Ohne zu zählen, ohne zu wiegen. Ich habe gedacht, nun würde alles gut werden. Doch heute, in der Stille des freien Tages, sehe ich, wie sehr ich zugenommen habe und die Panik steigt auf, treibt mich an, treibt mich durch die Workouts, schmeißt Lebensmittel in den Müll und zwingt mich mit boshafter Härte dazu, die grauenvolle Zahl, die die Waage preisgegeben hat, in die App einzutragen, die meine Gewichtsentwicklung überwacht.

Ich habe das Gefühl doppelt soviel Körper zu sein wie noch vor einiger Zeit. Ich habe das Gefühl, als hätte sich eine dicke Hülle um mich gelegt, wie ein Fatsuit. Ich muß unbedingt schnell wieder dünn werden, um mich weniger zu hassen.

Ich habe gedacht, ich könnte so tun, als wäre alles ok. Aber es ist nicht ok. Und ich habe keine Ahnung, wie es jemals wieder ok werden soll.

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Zu diesem Blog

Eine Leserin hat meinen letzten Beitrag rebloggt (und nein, ich habe gar nichts dagegen, ich freue mich über neue Leser) und dabei einige Fragen in den Raum gestellt.

Dieser Blog entstand vor über vier Jahren, weil eine Beraterin mir empfahl, ihm Briefe zu schreiben, die ich jedoch nicht abschicken sollte. Ich brauchte jedoch das Gefühl, sie abzuschicken. Also schickte ich sie in die anonymen Weiten des Internets. Daraus wurde für mich ein wichtiger Kanal für meine Gefühle und ich vermute, daß sogar er eine Zeit lang hier mitgelesen hat, da ich ihm mal in einem impulsiven Ausbruch den Link schickte.

Ansonsten ist dieser Blog vollkommen anonym und ich habe eine kleine, treue Leserschaft, über die ich mich freue, denn sie gibt mir das Gefühl nicht völlig alleine mit meinen Gedanken zu sein. Ich hoffe, daß auch meine Leser sich in dem ein oder anderen Beitrag wiederfinden und dieses Gefühl dadurch teilen können.

Die Kommentarfunktion habe ich abgeschaltet, denn ich möchte aus Respekt ihm gegenüber hier keine Diskussionen zu seinem Verhalten oder unserer Beziehung.

Dieser Blog ist aber mehr als mein Tagebuch. Er ist auch Kunstform. Es ist eine Geschichte, die ich erzähle, mal besser, mal schlechter. Eventuell wird sie mit der Zeit langatmig, aber letztendlich steht jeder Beitrag für sich: meine Gedanken und Gefühle auf die Leinwand gespuckt, herausgewürgt wie Farbbeutel. Manche Bilder gefallen mir, manche nicht so sehr, manchmal dienen sie nur der Vervollständigung der Geschichte oder sind eine Information für ihn, der sie möglicherweise liest oder auch nicht – ich weiß es nicht.

Das hier ist kein Hilfeschrei. Denn helfen kann mir nur Gott. Oder mein Therapeut. Oder ich mir selbst. Aber ich danke jedem, der es liest und teilnimmt mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen.

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Juli6

Ich will nicht mehr leben. Ich habe absolut keine Lust mehr darauf.

Als ich vor einigen Wochen einen letzten Versuch machte, auf ihn zuzugehen, dachte ich, ich hätte nichts zu verlieren. Doch seine Abweisung kostete mich das letzte bißchen Würde.

Ich weiß nicht, wie ich damit leben soll – Nicht mit dem Ende an sich. Sondern mit diesem Ende.

Irgendwo in mir ist Wut. Unglaubliche Wut. Vielleicht sogar Hass. Aber ich komme einfach nicht daran heran. Wie kann man nur so versteinert sein?

Einen Moment lang überlege ich, ob ich die Zigarette auf meinem Arm ausdrücke. Nur um endlich wieder etwas zu fühlen.

Morgen ist der letzte Termin mit meinem Therapeuten vor der Sommerpause. Ich will ihn an den Knie festhalten und anflehen, mich nicht im Stich zu lassen. Aber natürlich werde ich kontrolliert sein, höflich, distanziert und ihm lächelnd einen schönen Urlaub wünschen.

Wie soll ich atmen, da mir die Lunge in der Brust zerquetscht wurde?

Ich will nicht mehr leben; eingemauert in diese Steine, auf denen geschrieben steht, daß der Mann, der mich liebte, mich ohne ein Wort verlassen hat. Der Mann, den ich liebte. Und der nun eine Marmorsäule ist, kalt und leblos.

Wie sehr ich ihn hasse. Ich möchte ihn mit einem Vorschlaghammer in winzige Steinscherben zerschlagen.

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Juli5

Ich denke an den Sommer vor zwei Jahren. An diese Begebenheit, die Heißluftballons zu einem Heiligen Symbol werden ließ. Und dann: zur Erinnerung an ein Sakrileg. Ein gebrochenes Versprechen. Das nun so offensichtlich und bitter am Himmel steht.

„Führ mich durch dieses Tal, Herr. Es ist ganz schön finster.“

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Juli4

Tier. Ich bin ein hungriges, hilfloses Tier.

Mein Therapeut sagt, ich arbeite hart und leide sehr an dem Verlust, den ich erleide. Aber er sagt mir nicht, was ich tun soll. Nur, daß er sich in einer Woche in eine sechswöchige Sommerpause verabschiedet. Und mich damit genauso im Stich läßt wie der, dem ich meine Seele hingegeben habe.

„Ich fühle mich wie ausgehöhlt.“ sage ich zu ihm. Wie eine Frucht, in die ein Messer gefahren ist. „Da ist nichts mehr.“ Ich sage es so müde und träge wie ich mich fühle.

Die Wochen ohne meinen Therapeuten werde ich mit Arbeit füllen. Arbeiten, atmen, essen, schlafen. Nichts davon kriege ich besonders gut hin und doch ist es alles, was meine Tage füllt. „Das Leben ist so langweilig geworden.“

Mein Therapeut weiß, daß ich übertrage. Dafür ist er schließlich Therapeut. Und ich bin reflektiert genug, um es selber zu merken. Es ist gut, daß ich ihn eine Weile nicht sehe. So auf mich selbst zurückgeworfen, werde ich entweder endlich ausbrechen oder gänzlich verschwinden.

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Juli3

Gott wird mich nicht verlassen oder verwerfen.

Schon zwei aufeinanderfolgende Tage habe ich es geschafft, normal zu essen.

Als er mir heute im Flur begegnet und mich begrüßt, tut es weh. Es tut bis in die Abendstunden weh. Aber ich esse etwas, normal, ausgeglichen, während ich meinen Roman lese und ich trinke etwas, nicht zuviel; zwei, drei Gläser Weißwein, weil es warm ist. Es ist ok. Alles ok.

Es ist Mittwoch. Mittwochs werden meine Lieblingspsalmen in der Komplet gebetet. Ich bete sie und bin so dankbar, daß sie meine Tränen lösen.

Der Lärm, den meine Nachbarn veranstalten, löst ausnahmsweise keine Panikattacke aus. Habe ich sie die ganzen Jahre vielleicht nur ertragen, weil ich meistens betrunken war?

Ich habe immer noch das Bedürfnis, etwas mehr der Mensch zu sein, der ich vor der Bekehrung war. Der Mensch, der sich in Sex, Alkohol und Aggression geflüchtet hat, wenn er verletzt wurde. Der Mensch, der auf keine Moral, auf keine Nächstenliebe, auf keinen Gott Rücksicht nehmen mußte.

Und ich weiß, daß dieser Mensch keine schlechtere Version meiner selbst ist, sondern ein lebendiger Teil. Deshalb suche ich ihn – doch Gott ist dabei, die ganze Zeit. Und heute Abend lächelt Er mich an, als ich Ihm weinend für die wenigen Tränen danke, die endlich fließen.

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: * Herr, höre meine Stimme!
Wende dein Ohr mir zu, * achte auf mein lautes Flehen!
Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten, * Herr, wer könnte bestehen?
Doch bei dir ist Vergebung, * damit man in Ehrfurcht dir dient.
Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, * ich warte voll Vertrauen auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn * mehr als die Wächter auf den Morgen.
Mehr als die Wächter auf den Morgen * soll Israel harren auf den Herrn.
Denn beim Herrn ist die Huld, * bei ihm ist Erlösung in Fülle.
Ja, er wird Israel erlösen * von all seinen Sünden.

– Psalm 130 –

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